Georges
Simenon
über die Geburt der Figur
des Kommissar Maigret
Seit einiger Zeit fühlte ich das Ende meiner Lehrjahre nahen, in denen ich zahllose Erzählungen und Groschenromane unter fünfzehn oder sechzehn Pseudonymen geschrieben hatte. Aber noch zögerte ich, mit einem schwierigeren, wenn nicht sogar ernsteren Genre anzufangen. Ich sehe mich noch an einem sonnigen Vormittag in einem Café sitzen, dessen Besitzer tagtäglich stundenlang seine Tische mit Leinöl zu polieren pflegte. Ich habe in meinem ganzen Leben keine glänzenderen Tische gesehen.
Um diese Tageszeit saß kein Mensch an dem großen typisch holländischen Mitteltisch, wo die sorgfältig auf Kupferstangen aufgezogenen Zeitungen auf ihre Leser warteten.
Habe ich ein, zwei oder sogar drei kleine Genever mit einem Schuß Bitter getrunken? Jedenfalls sah ich nach einer Stunde, ein wenig schläfrig, allmählich die mächtige, unbewegliche Statur eines Mannes sich abzeichnen, der mir einen rechten Kommissar abzugeben schien. Im Laufe des Tages gab ich ihm noch ein paar Requisiten: eine Pfeife, eine Melone auf dem Kopf, einen dicken Überzieher mit Samtkragen. Und weil es in meinem verlassenen Boot so feuchtkalt war, genehmigte ich ihm für sein Büro einen alten Kanonenofen.
Am nächsten Mittag war das erste Kapitel von Maigret und Pietr der Lette fertig; vier oder fünf Tage darauf der ganze Roman.